The Streets Of Dammam

„Nur wo man zu Fuß war, war man wirklich.“  Das gilt nicht nur für lange Wanderungen, sondern auch für die Stadt. Ganz besonders für Dammam. Sonst übersieht man Dinge, die einem vom Auto aus nicht aufgefallen wären.

Viele von meinen derzeitigen Lesern haben mich in den Wochen vor meiner Abreise gefragt, wie es denn in Saudi Arabien und besonders Dammam aussähe. Mehr als den dummen Spruch „wie in der Wüste“ konnte ich damals auch nicht bemühen, weil es ich es selbst noch nicht gesehen hatte. Auch Google Maps half nur bedingt mit einigen Bildern weiter.  Saudi-Arabien selbst ist ja nach wie vor eher ein weißer Fleck auf der Landkarte der Reisenden, weil es kein Visum für Touristen gibt. Bilder von Mekka und der Kaaba ist uns geläufig, aber von der lieblichen Industriestadt Dammam wussten vor einem Jahr wohl noch niemand von uns. Also habe ich mich verpflichtet die Stadt zu fotografieren und zu beschreiben.

Eine simple Kurzbeschreibung mit einigen Bildern der  sehenswertesten Gebäude wie im Reiseführer ist eher langweilig. Deshalb wähle ich einen anderen Blickwinkel und fange ganz unten, auf der Straße an. Das sagt bei weitem mehr über die Stadt und die Menschen hier aus, als ein paar Panoramabilder der Einkaufszeile.

Der Gehweg als Hindernispacour

Wenn ich das Hotel verlasse um irgendwo hin zu gehen, muss ich auf zwei Dinge achten: Erstens, dass ich nicht überfahren werde und zweitens, sollte ich nicht mein Glück bei der Überquerung der Straße erproben, dass ich mir nicht den Knöchel verstauche oder den Fuß breche. Denn die Straßen und Gehwege der Stadt sind mal wirklich übel…Ein leichter  Wanderweg in den Alpen ist mit den Gehwegen hier durchaus vergleichbar. Nur dass man hier keine Bergstiefel trägt, sondern Schlappen. Von Gehwegen kann man eigentlich auch  nicht sprechen, denn es gibt im Grunde keinen. Deswegen kann man die hier auch nicht mal hochklappen, was viel über das Unterhaltungsangebot für einen Westler aussagt.

Großstadtdschungel

Es scheint in Saudi-Arabien keine Bauvorschriften für den öffentlichen Raum zu geben und es scheint auch niemanden zu interessieren.

Infolge dessen gibt es mannstiefe Löcher mitten im Gehweg, Stromkabel die sich wie Schlingpflanzen um deine Knöchel winden, ungepflasterte Flächen die einem Treibsandloch ähnlich sehen, stählerne Pilze und Bewuchs, der den Gehweg so undurchdringlich werden lässt wie der Regenwald im Kongo. Auch Rohre, die in Schienbeinhöhe mit der Flex schön ausgefranst abgeschnitten wurden, sind keine Seltenheit.

Mein Favorit unter den Gemeinheiten ist übrigens der Stahlpilz! Kaum etwas tut so gemein weh, wenn man mit dem Knöchel dagegen rauscht, wie die lieblichen Kanten und Ecken dieses in unseren Breiten eher seltenen Bovisten (habe das grade auf Wikipedia nachgeschaut und bin sehr angetan von der Ableitung des Namens „Bovist“).

  Man findet diese Konstruktionen übrigens überall. Nach einiger Zeit habe ich kapiert, was das soll: Auf die Fläche werden Straßenschilder montiert. Damit muss man die Schilder nicht wie bei uns einbetonieren, sondern kann sie bei Bedarf einfach versetzen. Gar nicht so blöd also, wenn man das ganze jetzt noch eben mit den Pflastersteinen abschließen würde.

Man hat aber offenbar durch Schmerz gelernt und ein weiteres System erfunden

(welches zuerst da war weiß ich allerdings ehrlich gesagt auch nicht). Manchmal betoniert man einfach vier Schrauben in den Boden und setzt dann Schilder oder Ampeln darauf. Das tut nicht ganz so weh. Man stolpert eher drüber oder dozt mit dem großen Zeh dagegen. Ergo nicht so wild. Sehr lustig wird es aber dann, wenn man ein elektrisch betriebenes Straßenschild auf die Schrauben setzt. Denn einen Stromanschluss hat man nicht mit eingebaut. Da haben die Straßenarbeiter recht dumm geschaut, nachdem sie das Schild verschraubt hatten. Ich habe genüsslich zugesehen.  Aber es gibt ja genug offen liegende Stromkabel. Also hat man sich kurzerhand damit beholfen. Ist ja eh nur ein Provisorium.

Deswegen werden auch solche Gullilöcher und Sandbunker nicht geschlossen, sondern einfach bis zur nächsten Veränderung in ihrer natürlichen Form belassen (hier sieht man übrigens einen der Stahlpilze in seinem natürlichen Lebensraum und Aufgabe).

  Auch Parkbegrenzungen können durchaus kreative Positionen auf dem Bürgersteig einnehmen.

Hier ist übrigens sehr schön zu sehen was passiert, wenn jeder Anrainer den Bürgersteig selbst gestalten darf. Während wir genervt davon sind, dass wir als Anrainer für Schnee räumen, streuen, Rasen mähen und Laub kehren vor dem Haus zuständig sind, haben Saudis offenbar eine wahre Zuneigung zu den Bereichen vor ihren Häusern und Läden. Dummerweise schlägt sich das nicht nur in den Farben nieder, sondern auch in den Formen. Deswegen muss man sich ständig über Treppen, Stufen, Gräben, glatte Fliesen oder Kieseinfahren vorarbeiten. Und manchmal ist es schlicht einfach, und auch ungleich gefährlicher, auf der Straße zu gehen.

Während man sorgsam einen Fuß vor den anderen setzt und versucht sich nirgendwo zu verheddern oder über eine Treppe zu fallen, muss man nebenbei auch die Kopfhöhe beachten. Denn irgendjemand kam bestimmt auf die Idee die Straßenschilder oder Werbetafeln genau in Kopfhöhe aufzuhängen. Dann kann man nicht nur mit einem gebrochenen Fuß ins Krankenhaus fahren, sondern man kann bei der Gelegenheit auch gleich die Platzwunde am Kopf mit ein paar Stichen nähen lassen.

Neben diesen straßenbaulichen Maßnamen kann der Saudi (oder wer auch immer die Straßen plant und baut) auch ganz anders!

Wenn man ein wenig von den Hauptstraßen weggeht und in die netten und ruhigen Wohngebiete wandert, kann man eine ganz andere, viel zahmere Spezies von Gehwegen finden. Farblich angenehm und gekonnt verlegt lässt es sich gar prächtig an den Häusern und dicken Autos vorbei flanieren. Dumm nur, dass gerade Bäume gerne mal wachsen und die Gehwege einfach zu wuchern. Schön anzuschauen ist es schon. Für mich aber leider unpraktisch. „Ist mir wurscht, denkt sich der Saudi“, steigt in sein Auto und ist die ganze Problematik mit dem Gehweg los. Denn wer ein richtiger Saudi ist, der fährt mit einem riesigen Auto und geht nicht zu Fuß. Für mich, der vorerst kein Auto hat und zu viel schwäbische Eigenschaften hat als für alles ein Taxi zu holen, aber leider eine wahre Tortur.

Wenn man sich die Bauleistung an den Gehwegen so anschaut und ein wenig drüber nachdenkt, wird einem auch schnell klar woher der Wind weht. Große Teile der Stadt, insbesondere Gewerbegebiete und Hauptstraßen sind einem ständigen Wandel unterworfen. Die Stadt wächst permanent. LKWs und große Mengen an Autos wälzen sich die Straßen entlang, parken auf den Gehwegen und überall wo ein wenig Platz ist. Das arbeitet die Oberfläche natürlich auf und bevor man alles, wie bei uns, immer schön ordentlich und gepflegt hält, reisst man einfach alles ein und baut es neu. Ist eh alles zu klein für die Zukunft. Nur Gegenden, die vorerst nicht umgebaut werden, wie zum Beispiel Wohngegenden, bekommen vernünftige Gehwege. Und an den relativ großen Pflanzen kann man auch sehen, dass es schon länger so ist und wohl auch noch so bleiben wird.

Schaut man genauer hin, erkennt man durchaus eine klare Linie in dem augenscheinlichen Chaos. So ganz undurchdacht ist es nicht. Nur anders als bei uns. Und vom Auto aus hätte man es nicht verstanden.

 

 

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