Auf dem Milford Track – Nur ein totes Hermelin ist ein gutes Hermelin

In Blog-Artikeln über den Milford Track und Milford Sound kommen oftmals folgende Zitate von Rudyard Kipling vor, auch wenn niemand die Quelle zu wissen scheint (was jedem Akademiker spätestens seit Guttenberg ja eine Warnung sein sollte). Über den Milford Track sagte er angeblich:

Finest Walk in the World

Den atemberaubenden Milford Sound soll er gar so beschrieben haben: 

The eighth Wonder of the World

Damit hatte er unweigerlich ein Stück Recht, auch wenn man seine imperialistischen Ansichten heute besser durch die Brille des Historikers betrachtet (er war übrigens auch Literaturnobelpreisträger und Autor von Büchern wie dem Dschungelbuch). Da man treffende Beschreibungen über den Milford Track in einer Menge Blogs finden kann (z.b. hier, hier oder hier), will ich eher ein paar Worte über den Milford Track imZusammenhang mit Hermelinen, Opossums, Algen und Regenbogenforellen verlieren. 

Milford Track – Eine Einführung

Um auf dem Milford Track zu wandern, muss man zuallererst eines tun: Früh buchen! Wir (Julia,Abby, Jane und ich) haben 5-6 Monate im voraus gebucht. Das Department of Conservation (kurz DOC) lässt pro Tag nur rund 40 Personen die Wanderung beginnen und diese Anzahl ist schneller ausgebucht als man „Milford Track“ sagen kann. Beschränkt wird die Anzahl der Wanderer durch die Menge der verfügbaren Betten in den drei Hütten. Insgesamt gibt es für die sog. Independent Walkers drei Übernachtungsmöglichkeiten: Clinton Hut, Mintaro Hut kurz vor dem MacKinnon Pass und Dumpling Hut. Campen oder irgendwo im Freien übernachten ist nicht erlaubt.

Sonst braucht es für den Milford Track nicht viel. Schwierig zu wandern ist er beileibe nicht. Ich würde ihn als leicht einstufen. Der Weg ist gleicht eher einer Rollbahn als einem Pfad. Abgesehen von einigen felsigen Passagen und dem Auf- und Abstieg zum und vom MacKinnon Pass gibt es keine Schwierigkeiten (außer das Wetter ist schlecht). Trotzdem empfiehlt sich gutes Schuhwerk wie Bergstiefel oder zumindest Tracking-Schuhe. Die Gesamtlänge beläuft sich immerhin auf gute 53 km.

Der Milford Track (Karte gibts hier) besteht aus zwei tiefen Trogtälern und und einem niedrigen Pass, dem McKinnon Pass. Ansonsten trifft man auf:

  • unheimlich viele Wasserfälle, die sich von den schneebedeckten Gipfeln die extrem steilen Talwände hinabstürzen,
  • unangenehme Mengen Sandflies die einem die Beine zerstechen,
  • unwahrscheinlich freche Keas und
  • unglaubliche Mengen Regen, weil die Gegend mit einem Jahresdurchschnitt von über 7200 Millimeter gesegnet ist (was wiederum die Menge der Wasserfälle sprunghaft ansteigen lässt und die Tiefe der Bäche gleich mit dazu).

Das sind die Rahmenbedingungen, denen man sich an den 4 Tagen wandern stellen muss. Dazu kommt eine viertägige Lehrstunde in Biologie, insbesondere über eingewanderte oder hierher transportierte fremde Pflanzen und Tierarten. Im Fachjargon nennt man die Neobiota. 

Algen, Hermeline, Opossums und Hirsche

Die neuseeländische Flora und Fauna hat dank der Ankunft des Menschen einige Probleme bekommen. Da sich die beiden Inseln sehr früh vom Rest der Welt abgetrennt hatte, konnte sich eine Vegetation und Fauna entwickeln, die gänzlich ohne Landsäugetiere auskam. Infolge dessen verlernten manche endemische Vögel wie der Kakapo (ein fetter Bergpapagei) oder der Kiwi das Fliegen (ich persönlich halte den Kakapo nach dem bemitleidenswerten Panda für das dümmste Tier auf Erden).

Neu ankommende Ratten, Hermeline und natürlich auch der Mensch fanden in den hilflosen Tieren gefundenes Fressen. Seitdem hat die einheimische Tierwelt schlechte Karten und das DOC versucht mit verschiedenen Mitteln der Invasion Herr zu werden. Einige der Versuche kann man gut auf dem Milford Track beobachten.

Didymo und rock snot 

Der erste Schritt auf dem Milford Track führte von vom Boot nicht in den Regenwald, sondern direkt in eine Waschwanne mit Spülmittel. Glamourös, oder? Das dient dazu die Verbreitung von Didymo entlang des Clinton Rivers (das erste der beiden Trogtäler) zu verhindern. Didymo ist eine Alge aus Eurasien, die in dicken grün-braunen Matten jedes Leben in kalten und schnell fließenden Gewässern ersticken kann.

Ist ein Gewässer erst einmal infiziert, lässt es sich meines Wissens nach nicht mehr so einfach davon befreien. Um die Gewässer zu schützen, kann man im Grunde nur präventiv arbeiten. In Neuseeland macht man das mit dem Dreiklang „check, clean and dry“. Prüfen, dass an Ausrüstung und Kleidung, die mit Wasser in Berührung kam, keine Klumpen von Didymo finden. Alternativ oder additiv muss Kleidung und Ausrüstung entweder mit kochend Wasser, Bleiche oder Spülwasser gereinigt werden. Zuletzt hilft es natürlich die ekelhafte Alge einfach durch Austrocknung zu töten. 48 Stunden reichen dazu.

Leider konnte ich keine Auswertung finden, inwiefern dieses Vorgehen hilft, das überall an Gewässern plakatiert wird. Aber einige Aussagen im Netz weisen darauf hin, dass sich die Verbreitung wohl nur verlangsamen lässt. Irgendein Depp macht immer einen Fehler.

Hermeline auf dem Milford Track

Während wir den ersten Teil des Milford Tracks entlang wanderten, fielen mir immer wieder zusätzliche pinke und blaue Wegmarkierungen auf, die vom Hauptweg, der orange markiert ist, abzweigten. Außerdem fand ich sehr bald in regelmäßigen Abständen Kastenfallen, die mir als Sohn eines Jägers nicht unbekannt waren. Allerdings werden hier in Deutschland keine Totschlagbügel in den Fallen verwendet.

Angekommen an der Clinton Hut, der ersten Hütte auf dem Milford Track, erklärt Ross der Hut Warden, was es damit auf sich hat: Um die Jahrtausendwende herum fand man heraus, dass die  Bestände der Blue Ducks (oder Whio Whio auf Maori, bzw. Saumschnabelente wie mir Wikipedia sagt) immer weiter absanken. Blue Ducks benötigen als Habitat kalte, klare, schnell fließende Flüsse mit Geröll. Da es diesen Lebensraum nicht auf den kleinen, raubtierfreien Inseln vor der Küste gibt, müssen die Whio Whio auf dem Festland bleiben. Mit Hilfe von Bewegungskameras fand man heraus, dass Hermeline die Eier der Blue Ducks stahlen oder die jungen Küken auffrassen. Das wirkte sich natürlich negativ auf dem Entenbestand aus.

Also beschloss man, die Hermeline massiv zu bejagen. Dazu wurden entlang des Wanderwegs alle 200 Meter eine Kastenfalle für die Hermeline und eine Totschlagfalle für die Opossums platziert. Zudem wurden weitere Jagdpfade in den Busch gelegt, wo weiter Fallen aufgestellt wurden. Das sind die pinken und blauen Markierungen, die ich sah. Zur Hilfe kommen hier die extrem steilen Wände der Trogtäler. Sie verhindern, dass allzu viele Räuber wie Hermeline und Opossums von außen einwandern können. Die steilen Wände sind auch der Grund für die unzähligen Wasserfälle, die sich den Felswänden hinabstürzen. Gerne auch mal in Kombination mit einer Eis- und Schneelawine.

Aufschrift auf einer Falle: Nur ein totes Hermelin ist ein gutes Hermelin.
Aufschrift auf einer Falle: Nur ein totes Hermelin ist ein gutes Hermelin.

Nach einigen Jahren und Nachforschungen stellte man fest, dass sich die Bestände der Blue Ducks und Paradiesenten (dicke, furchtbar laute Enten) merklich erholten. Deshalb wurde das Programm weiter ausgedehnt, bessere Fallen entwickelt und Jäger eingestellt. Die Jäger werden scheinbar danach bezahlt, wie viele Tiere sie erwischen und dürfen die Felle verkaufen. Ein Opossum Fell bringt immerhin rund um die 20 NZD ein. Ob sich die Populationen von Kiwis und anderen Vogelarten ebenfalls wieder erholen wird derzeit geprüft.

Überprüft werden die Fallen am Pfad übrigens alle paar Tage vom Warden der Hütten. Der läuft einfach mal die Strecke ab und bringt tote Tiere mit um sie zu häuten oder wirft die schnell verrottenden Kadaver einfach in den Wald (was einige zärter beseitete Mitwanderer  erschaudern ließ).

Forelle am liebsten als Forelle blau

Ein zweites und drittes Problem für die Entenarten auf den Flüssen sind übrigens zum einen die oben genannte Algenart, weil sie alles am Flussgrund ersticken und zudem die riesigen Regenbogenforellen. Die fressen wie die Enten die Insekten im Fluss und sind somit ein Fresskonkurrent für die Enten. Aber da man Forellen irgendwie nicht so sehr als Gegner wahr nimmt, wissen nur die wenigsten Leute über die Probleme, die die Forellen mit sich bringen.

Große Regenbogenforelle im Clinton River
Große Regenbogenforelle im Clinton River

Opossums – Überfahren, wenn möglich.

Die flauschigen Opossums bitten die Autoverleiher in Neuseeland wenn möglich zu überfahren. Mag den europäischen Ohren ein wenig krass erscheinen, aber gut wäre es schon. Opossums, oder Possums wie sie eigentlich heißen, sind eine Beuteltierart aus Australien. Nach Neuseeland eingeschleppt, machten sich die Biester umgehend über die dortige Pflanzen- und Tierwelt her. Nichts ist vor den Viechern sicher. Abby und ich mussten eines Abends im Zelt am Milford Sound aktiv unsere Lebensmittelvorräte gegen ein neugieriges Possum verteidigen.

Die Possums werden auf dem Milford Track ebenso bejagt wie die Hermeline. Zwar fressen Possums eher Pflanzen und Blüten aber verhindern damit, dass sich einheimische Pflanzen gut weiterverbreiten können. Außerdem kann das Possum Tuberkulose übertragen.

Eingeführt wurde das common brushtail possum aus Australien für die Pelzindustrie. Das klappt so gut, dass es zwischenzeitlich 70 Millionen davon gab. Durch Bejagung und Vergiftung mit 1080 gelang es, diese Menge seit den 80er Jahren auf geschätzte 30 Millionen zu verringern und der Tier- und Pflanzenwelt ein wenig Raum zum atmen zu geben.

Zur Unterhaltung trug ein solches Possum durch Ross, den hut warden der Clinton Hut, bei. Er streckte abends seinen hageren Kopf in den Aufenthaltsraum und fragte, ob Australier anwesend seien (Neuseeländer und Australier nehmen sich gerne gegenseitig auf die Schippe. Nicht immer auf nette und jugendfreie Weise). Seine Frage wurde von zwei Tasmaniern bejaht, woraufhin Ross sich erkundigte, ob sie was für ihn mit zurück nach Australien nehmen könnten. Auch diese Frage wurde mit einem „sure thing, mate“ bejaht. Ross riss daraufhin die Tür auf und warf ein dickes, totes Possum mitten in den Raum. Das hatte er gerade gefangen und taxierte den Wert des Felles auf 22 NZD.

Totes Possum. Ganz schöner Brocken.
Totes Possum. Ganz schöner Brocken.

Milford Track – Keas, Landschaft und Mitwanderer

Neben diesen Räubern und vielfältigen Problemen, die einem vor Augen führen, was alles so mit der Umwelt passieren kann, lässt es sich aber auch vortrefflich an der unglaublichen Landschaft des Milford Track berauschen. Die tiefen, nassen, vermoosten Wälder wirken wie zauberhafte Feenreiche, die unglaublich hohen Wasserfälle an den Felswänden erwecken den Eindruck dass sie aus den Wolken und nicht von den Bergkuppen herabstürzen. Währenddessen machen Schnee und Wind auf dem MacKinnon Pass mir Glauben, ich sei daheim in den Alpen. Nur die lustigen Bergpapageien, die frechen Keas mit ihren lauten Rufen, wollen nicht ganz zu den europäischen Alpen passen. Auch die Farne entlang des Weges erinnern uns eher an eine Tropenhaus, als an die kalte Bergregion im Süden Neuseelands.

Neben den vielen kleinen und feinen Wasserfällen, die sich quasi überall die Felswände herabstürzen, gibt es auch die Sutherland Falls. Diese sind nur ein kleinen Umweg von 45 Minute entfernt und sollen bei Regenwetter (also fast immer) unbedingt besucht werden. Das Wasser stürzt 580 Meter herab. Der Aufprall ist so stark, dass man sich kaum nähern kann. Ich war innerhalb von Sekunden so nass, wie ich es während des gesamten Regens der vergangenen zwei Tagen nicht war.

Sutherland Falls am Milford Track
Sutherland Falls am Milford Track

Sandfly Point und Milford Sound

Am Ende der vier Tage wartet ein gefürchtetes Highlight auf den Wanderer: Sandfly Point! Wie der Name schon sagt, gibt es hier in einem Seitenarm des Milford Sound ausreichend von den kleinen Biestern. Dummerweise kommt nur dreimal am Nachmittag das Boot, welches einen abholt. Das bedeutet, man muss die letzte Etappe gut einschätzen und pünktlich eintreffen, oder man sitzt für die restliche Zeit in einer etwas tristen Hütte, die ein wenig Schutz verspricht.

Hat man auch diese letzte Hürde genommen, schippert einen das Boot nach vier Tagen durch Wälder, Flüsse, über Berge und Brücken auf den Milford Sound hinaus. Aus den engen Tälern und Wäldern kommend, öffnet sich der Blick auf den weiten Fjord mit seinen unglaublichen Felswänden. Einer der Hut Warden hatte schon Recht: Milford Sound ist so großartig und atemberaubend, wie die Kathedralen Europas!

Der atemberaubende Milford Sound
Der atemberaubende Milford Sound

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