Guatemala gefährlich? Durch einen „almost failing state“ und zurück.

Typischer Ablauf eines Gesprächs wenn ich erwähne, dass ich in Guatemala war: „Ist es dort nicht extrem gefährlich?“ (Abgesehen von den Gesprächen bei denen sich zeigt, dass der Gegenüber keine Ahnung hat, dass es a) Guatemala überhaupt gibt und b) in Zentralamerika liegt). Dann werde ich mit großen Augen angeschaut und unter Kopfschütteln gesagt: „Da würde ich nieeeeee hinfahren!“

Meistens denke ich mir dann im Stillen im ersten Moment: „Ist auch besser so. Lieber im geschützten Hotel oder gleich daheim bleiben. Das erspart allen Beteiligten Ärger und Frustration.“ Aber dann stelle ich meinen Sarkasmus in die Ecke und sage: „So schlimm ist es nun auch nicht. War ja schließlich grade zweimal dort und mir ist auch nichts passiert.“

Irgendwas ist aber dran an der Geschichte, dass das Leben in Guatemala gefährlich ist. Schon bevor wir nach Guatemala einreisen, warnten uns/mich diverse Einheimische immer vor Guatemala. Die beiden Mexikanerinnen, die mich in Tulum beim Supermarkt einsammelten meinten, ich solle mich von Guatemala City fern halten. Guter Rat. Ein Kerl in Belize sagte, wir sollten besser hier bleiben, weil ungefährlich…würde ich in Belize jetzt auch nicht direkt unterschreiben.

Der Economist, ein ziemlich renommiertes und gut informiertes Magazin, veröffentlichte letztens einen Artikel über Guatemala, der mich zum einen Schlucken, und mich zum anderen ein wenig mehr darüber nachdenken ließ. Er hieß „Edging back from the brink“ und beschreibt, dass Guatemala grade so die Kurve kratzt und nicht in die womögliche Falle des „failing states“ fällt. Das hört sich dann natürlich schon nach einem Land an, in dem es gefährlich ist.

Mangelernährung und Sicherheit

Der Artikel listet zwei Schwerpunkte auf, weshalb das zentralamerikanischen Land als gefährlich gilt:

  • bei nur 15 Mio. Einwohnern mehr Morde als in der gesamten Europäischen Union in einem Jahr, rangiert unter den 20 führenden Ländern weltweit, die durch kriminelle und körperlicher Gewalt auffallen.
  • eine höhere Rate an Kindermangelernährung als bei vielen Staaten der Sub-Sahara;  Rate doppelt so hoch wie in Haiti und höher als in jeden anderen lateinamerikanischen Staat.
Bewaffnete Wächter im Grenzübergang von Belize nach Guatemala. Soldaten lungerten zusätzlich noch rum.
Bewaffnete Wächter im Grenzübergang von Belize nach Guatemala. Soldaten lungerten zusätzlich noch rum.

Das gibt einem dann schon zu denken und wenn man ein wenig überlegt, passt das auch ins Bild: Das erste was uns an der Grenze in Guatemala auffiel, war der bewaffnete, private Grenzwächter sowie die Soldaten auf der Brücke. Auch später sieht man immer wieder Aufkleber in Läden, die darauf hinweisen, dass man keine Waffen mitbringen darf. Kioske haben generell ein massives Metallgitter, damit man nicht in den Kiosk greifen kann. Und ein paar Bewaffnete sieht man sowieso immer. Meist tragen diese privaten Sicherheitsdienste gefährlich aussehende Schrotflinten mit sich rum. Was jetzt letztendlich gefährlicher ist, der Kriminelle oder die Gefahr eines Unfalls sei jetzt mal dahin gestellt.

Mais wächst in Guatemala auf jeder freien Fläche. Es ist das absolute Volksnahrungsmittel.
Mais wächst in Guatemala auf jeder freien Fläche. Es ist das absolute Volksnahrungsmittel.

Die Mangelernährung wird einem erst klarer, wenn man sich ein wenig abseits der Touristenpfade bewegt. Dann trifft man in den Dörfern auf Kinder, die nichts oder kaum was anderes als Mais, oder weiter oben in den Bergen Kartoffeln, zu essen bekommen. Ein Problem ist wohl auch die Ernährung der Säuglinge. Während in den Städten Säuglinge gerne nur mit Milchpulver ernährt werden, verwendet man auf dem armen Land sogar nur Wasser mit Geschmacksverstärkern. Das hilft so einen kleinen Wurm natürlich eher wenig.

Diese Faktoren, man könne es einfach Gewaltpotential und Armut nennen, sorgen schließlich für eine hohe Rate an Gewalt in dem schönen Land in Zentralamerika.

„Edging back from the brink“

Aber, wie der Artikel auch beschreibt, wird es wohl langsam besser. Es werden mehr Geld und Ressourcen in die Verbrechensprävention und -bekämpfung gesteckt. Das heißt: Mehr Polizei, besser ausgebildete Polizei, technische Verbesserungen, u.ä. Darauf wird der stetige Fall der Mordzahl zurück geführt.

Organisationen wie das Peace Corp (die jungen Amerikaner trifft man auf Schritt und Tritt), Unicef und der Staat selbst sorgten für eine Halbierung der Zahl der Toten, die akut von Mangelernährung betroffen war. Möglich wurde dies durch Erziehung oder bspw. dem Monitoren des Gewichts von Kindern.

Durch einen „almost failing state“ und zurück

Rückblickend wird mir einiges meiner Reise nun klarer und verständlicher. Schade (oder ganz gut), dass ich den Artikel vorher nicht lesen konnte. Denn somit wird einem klar, wie man Länder durch verschiedene Brillen sehen kann.

Als gefährlich will ich Guatemala aber trotzdem nicht einschätzen und ich kann auch jedem nur ans Herzen legen das Land zu bereisen. Am besten nicht nur im Shuttle von Hostel zu Hostel, obwohl das sicherer ist, sondern wie alle anderen Reisenden auch in Chicken Buses, auf Pick Up-Ladeflächen gar gleich zu Fuß.

Mit dem Chicken Bus durch Guatemala. Fährt quasi überall hin, wo man noch fahren kann. Die Fahrweise könnte man wirklich gefährlich nennen.
Mit dem Chicken Bus durch Guatemala. Fährt quasi überall hin, wo man noch fahren kann. Die Fahrweise könnte man wirklich gefährlich nennen.

Das lässt sich hervorragend mit den Quetzeltrekkern in Xela machen. Diese NGO bietet Wanderungen mit freiwilligen Guides an. Das Geld geht direkt an die beiden Projekte, welche allein durch die Wanderungen finanziert werden. Ein großartiger Grund also sowohl durch Guatemala zu reisen und einen Stop in Xela zu machen.

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