Einsamkeit im Ausland ist ne Ziege und fast so doof wie Liebeskummer

Über Einsamkeit und alleine sein wollte ich ursprünglich nicht schreiben, denn es gilt nach wie vor der „kategorische Imperativ“ von The Cure: „Boys don’t cry“. Aber ich dachte, vielleicht liest es ja jemand in einer ähnlichen Situation und schöpft ein wenig Hoffnung und Mut daraus.

 

Einsamkeit und Heimweh. That’s how it is right now!

Heute bin ich seit genau vier Monaten sechs Tage in Dammam. Und der erste Lack ist ab. Sogar gründlich. Nachdem ich mir meine ersten, mit viel Begeisterung, geschriebenen Artikel nochmals durchgelesen habe, stelle ich bei mir eine starke Ernüchterung und einen aufgeklärteren Blick auf dieses Projekt und das Land fest. Aber das war wahrscheinlich auch zu erwarten.

Seit Anfang Mai habe ich lernen müssen, was es bedeutet, alleine und fremd in einem anderen Land zu leben und, so nennt man es nun mal, einsam zu sein und eine gewisse Art von Heimweh zu haben. Anfangs war Einsamkeit kein Problem. Aber, wie es im Buche steht, kam nach 3 Monate der erste wahre Anfall, vor dem mich andere Expats schon gewarnt hatten. Sie meinten, ich solle, weil ich alleine hier bin, drauf achten, alle 3-4 Monate ein paar Tage Urlaub in einer normalen Umgebung zu machen. Habe ich damals noch nicht so ernst genommen…ich Greenhorn! Jetzt fühle ich mich oftmals genau wie Charlie Brown in diesem Comic hier und denke mir dann sowas hier:

Diese Einsamkeit oder Heimweh, wie man es auch immer nennen mag, trifft mich in den verschiedensten Situationen wie ein Hammer. Zum Teil ziemlich grotesk. Zum Beispiel ist es manchmal extrem schwierig mich morgens aus dem Bett zu zwingen. Das mag einigen auch daheim so gehen, aber für mich ist das neu. Es kostet so viel Überwindung. Als hätte ich einen dicken, grauen Mühlstein um den Hals. Am liebsten will ich die Augen wieder schließen und in einen schönen Traum zurückkehren. Meist ist es aber eh schon so heiß, dass ich auch nicht mehr im Bett rumgammeln will. Aber durchs Aufstehen wird es meist auch nicht wirklich besser und die Einsamkeit verschwindet deswegen nicht.

Andere Male hingegen stehe ich fröhlich pfeifend beim rasieren und stelle im selben Augenblick fest, dass ich sowohl sehr zufrieden mit mir bin, als auch tieftraurig bin. Das ist schon echt merkwürdig und verstörend.

Ähnlich war es gestern beim der Heimfahrt von einem Kunden. Wir rasten über eine mit Schlaglöchern durchlöcherte Piste direkt am Golf zurück nach Dammam. Der Taxifahrer hatte diese Strecke gewählt, weil auf dem Highway grade Berufsverkehr war und es sich auf der Nebenstrecke sowieso viel besser Slalom und schnell fahren lässt. Auf die Straßen und Fahrweisen habe ich schon nicht mehr geachtet. War im Grunde alles normal für die örtlichen Verhältnisse.

Sonnenuntergang über Dammam
Sonnenuntergang über Dammam

Aber während ich den staubigen Horizont mit der untergehenden Sonne beobachtete, fühlte ich doch die Einsamkeit in mir hoch kriechen. Gleichzeitig ist es aber spannend, interessant und wunderschön. Wir kurven mit 80 km/h um Schlaglöcher, LKWs und Fußgänger, der Bangladeshi singt schlecht mit der Musik aus dem Radio und ich beobachte den Horizont (eh besser nicht so sehr auf die Straße zu achten). Und schon stecke ich wieder in diesem merkwürdigen Zwiespalt, dass ich so schnell wie möglich hier raus will und auf der anderen Seite sehr dankbar für die vielen  Erlebnisse bin und es sehr schön und interessant finde.

 

Mag sich vielleicht für den/die eine(n) oder andere(n) romantisch und toll anhören, ist es aber nicht! Das ist echt ätzend!

 

Der zähe Kampf gegen die Einsamkeit

Natürlich sitze ich nicht eitel anbei, während mich die Einsamkeit malträtiert. Mit Strategien wie Bewegung, sorgfältig und lange den Besuch bei der Wäscherei planen, ausgiebig im Supermarkt nach dem passenden Abendessen suchen oder ein gutes Buch lesen, lässt sich Einsamkeit einigermaßen im Zaume halten. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Letztendlich muss man Einsamkeit aber auch schlicht akzeptieren.

Sie lässt sich aber bekanntlich am besten durch Bekanntschaften vertreiben. Und glücklicherweise habe ich im Supermarkt einen Engländer getroffen. Eine unglaubliche Erleichterung machte sich in mir breit. Lustig, wie man beim Bananenkauf sofort anfängt sich zu unterhalten. Nick ist hier um Englisch zu unterrichten und wohnte anfangs in meinem Hotel mittlerweile ist er in eine kleine Wohnung ums Eck gezogen.

Nach einigen Tagen lud er mich ein, mit zum Abendessen zu kommen. Er würde zwei Amis treffen. Seitdem sind wir schon zu viert. Geoff wohnt 15 Minuten in Richtung Starbucks und Jim ist mittlerweile in eine kleine Wohnanlage gezogen, rund 15 Minuten mit dem Auto Richtung Khobar. Jetzt, wo ich insbesondere Geoff und Jim kenne, Nick ist etwas sehr eigenbrötlerisch, ist das Leben definitiv besser geworden. Wir machen so spannende Dinge wie die halbe Nacht bei Starbucks sitzen und Kaffee trinken oder auf Geoffs Dachterrasse zwischen den unzähligen Klimananlagen zu grillen. Das ist dann die Hitze-Spitze schlechthin. Bei 40 Grad vor den Klimanlagen, die die heiße Luft aus den Häusern pumpen, einen Grill anwerfen. Dazu ein alkoholfreies Bier mit Apfelgeschmack. Aber Hauptsache es schmeckt und man unternimmt etwas, das einen auf andere Gedanken bringt.

Grillen zwischen den Klimaanlagen
Grillen zwischen den Klimaanlagen

Das beste an meinen neuen Freunden oder Leidensgenossen ist, dass ich jemanden zum reden habe. Besonders Geoff steckt in ähnlichen Problemen wie ich, da er sogar noch zwei Monate länger in der Gegend war ohne irgendjemanden zu kennen. Die eigenen Herausforderungen spiegeln sich exakt bei dem anderen wieder: Wir können die Sprache nicht, verstehen die Kultur nicht gut genug, können uns ohne Auto nur begrenzt frei bewegen und vermissen Dinge wie Regen, grüne Landschaften und kühles Wetter. Und beide haben bereits Strategien entwickelt, um die Einsamkeit zu bekämpfen, auch wenn die nicht ausreichend sind. Darüber lässt es sich gut plaudern und die alltäglichen Probleme besser bewältigen. Während der eine sich auskotzt, hört der andere zu und gibt gute oder weniger gute Ratschläge, so dass keiner plötzlich ins Flugzeug steigt und heim fliegt. Denn das ist es, was uns beiden wahrscheinlich am meisten Angst macht: Wieder alleine zu sein.

 

Bei den ganzen Überlegungen und Erlebnissen mit Einsamkeit ist mir auch aufgegangen, wie furchtbar sich Asylbewerber und Flüchtlinge in Deutschland oder Gastarbeiter hier in Saudi fühlen müssen (oder irgendwo sonst auf der Welt). Ich habe mich bisher nie wirklich mit der persönlichen Situation von Flüchtlingen oder Asylbewerbern beschäftigt, eher mit der politischen Situation. So wie ich hier harte Erfahrungen mit der Einsamkeit mache, muss es für einen Kongolesen, der kein Deutsch und vielleicht nur schlecht Englisch spricht, im kalten Deutschland viel schlimmer sein. Für ihn ist ja sogar ein Supermarktbesuch eine immense Herausforderung und noch dazu profitieren sie wahrscheinlich nicht wie ich von blonden Haaren, heller Haut und genug Kleingeld für einen Heimflug, sondern für die gibt es kaum einen Weg zurück. Und dann wirkt meine Einsamkeit wahrscheinlich wie ein Spaziergang…

 

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