Dammam – (k)eine Schönheit des Orient

Dank Tausendundeine Nacht und anderen orientalischen Erzählungen haben wir gewissen Vorstellungen wie der Orient auszusehen hat und auf Dammam trifft das leider nicht so wirklich zu. Aber es birgt andere „Schönheiten“ in sich. Man braucht nur ein wenig Mut zum Ungewöhnlichen.

Dammam ist weder alt, noch schön. True story! Muss man mal so festhalten. Bis in die 70er Jahre war es ein kleines Fischerdorf. Groß wurde es nur, weil man hier direkt ums Eck, an der berühmten Bohrstelle Dammam 7, Erdöl gefunden hat. Deswegen ist Dammam heute die Hauptstadt der Ostprovinz und der Sitz von Saudi-Aramco, dem staatlichen Ölkonzern. Sonst wäre hier nicht viel los, außer ein paar Ziegenherden und Dornenbüschen. Und die Kamele zu nicht vergessen. Diese Info habe ich mir natürlich nicht beim Touristenbüro besorgt, sondern auf Wikipedia. Touristen gibt es in Dammam ja nicht so viele und Touristenbüros deswegen auch nicht.

Immerhin gibt es in der Innenstadt Häuser und Straßen mit einem gewissen Charme, wie ich finde.

Die Straßenzüge erinnern mich manchmal an eine Mischung aus Gassen in Italien (ohne gute Bars und Kaffee), ehemaligen Sowjetrepubliken (im staubigen Hochsommer Osteuropas) und eben Arabien. Die Stimmung pendelt zwischen brodelnden Leben (abends), Verfall (ständig), Lethargie (tagsüber) und Patina (allgegenwärtig). Und das alles gibt es in den Farbnuancen von Braun über Ocker und Gelb zu Grau. Vorherrschend ist ein sandiges Gelb. Selbst die wenigen Pflanzen gliedern sich farblich in das Farbschema an. Bin mir auch sicher, wenn man selbst lang genug auf der Straße rumhängt, wird man selbst leicht gelblich.

Hauptstraßen in Dammam

Das Leben in Dammam spielt sich tagsüber hauptsächlich auf den Hauptstraßen ab. In den Nebenstraßen herrscht eher Lethargie und Ruhe. Darüber was in den Häusern und Innenhöfen passiert, kann ich nur spekulieren. Die Straßen sind meist mindestens vierspurig und bieten ausreichend Platz für mindestens 3 Autos auf beiden Seiten nebeneinander. Dazu ein kleiner Witz der den Verkehr in Dammam gut veranschaulicht (ich weiß, auf Riyadh passt das noch viel besser): Wie sieht eine Schlange beim Anstehen in Europa aus? Genau. Eine Person breit und bspw. acht Mann tief. Saudi-Arabien? Acht Personen breit und eine Person tief. So ist es auch an jeder Ampel aus und klappt auch zuverlässig beim Bäcker oder an der Supermarktkasse. Das führt dann dazu, dass man eine wahre Lawine an Autos auf einen zu brausen sieht, wenn man eine der größeren Straßen überquert.

Während ich an der Straße stehe um auf eine Lücke im Verkehr zu warten (wenn ein da ist, muss man mutig und schnell sein. Sonst ist nicht viel mit dem Begriff „Leben“ in Dammam. Was sonst passiert, passt dann eher zu „Verfall“), werde ich permanent von jedem Taxi an gehupt. Die wittern immer das große Geschäft mit mir. Mittlerweile überhöre ich es einfach.

Die größeren Straßen sind von Läden und Geschäften gesäumt. Und natürlich von Unmengen an Autos, Pickups und kleinen LKWs. Gott sei Dank bzw. Alhamdulillah (الحمد لله)  ist es ein ständiges Kommen und Gehen, so dass man oftmals nach kurzer Zeit irgendwo einen Parkplatz findet. Kleiner Denkanstoß, den ich hier von einem Geschäftspartner aufschnappt habe: Seiner Meinung nach sollten Frauen sowieso Autofahren dürfen! Wäre ja wohl eine Selbstverständlichkeit. Er frage sich nur, wie der saudische Staat plötzlich eine Infrastruktur für doppelt so viele Autos her nehmen wolle… Das ist dann wohl die praktische Seite der westlichen Forderung zu diesem Thema und zeigt, dass manche Themen sich nur schwer über Nacht umsetzen lassen. Meist steckt dann mehr dahinter als nur ein paar Forderungen. Aber ich lasse dieses heiße Eisen mal lieber für einen anderen Artikel im Feuer. Es sieht jedenfalls so aus, wenn es nicht viele Parkplätze gibt.

 

Die Häuser der Innenstadt sind meinem Geschmack nach nicht so der Gewinn, schneiden aber im Vergleich zu deutschen Waschbetonbunkern doch noch recht gut ab. Gut, dass der Bauboom in Dammam erst nach der Blütezeit des Waschbetons eingesetzt. Definitiv ein Gewinn für die Anwohner der Stadt.

Neuere Gebäude werden oft im Look von Naturstein gebaut. Das passt ganz gut in die Umgebung und macht die Häuser, meiner Meinung nach, auch ein wenig „authentischer“. Dafür setzt sich der Staub auf dem Naturstein natürlich noch viel besser ab! Aber vielleicht trägt das ja auch zur Authentizität bei?


Nebenstraßen und Gassen

Während die Hauptstraßen weit, breit und gut beleuchtet sind (man beachte die neckischen, organischen Straßenlaternen) trifft das auf die Nebenstraßen und Gassen jetzt nicht so ganz zu. Da ist es manchmal ziemlich schattig und dunkel. Abends brennen hier und da ein paar Funzel oder auch mal eine Straßenlaterne. Unheimlich ist es aber nicht. Sind eh immer so viele Leute unterwegs, dass man sich nicht fürchten muss. Zum Ausgleich gibt es Pfützen so große wie die Mecklenburgische Seenplatte. Dafür muss es nicht regnen. Ein Wasserrohrbruch reicht auch. Wenn es aber so richtig regnet, kann es zu wahren Fluten kommen.

Ein kleineres Hindernis in den Nebenstraßen kann die Parksystematik der Anwohner sein. Manchmal frage ich mich schon, wer auf solche Ideen kommt, so wie auf dem Bild zu parken. Ein Schlitzohr war auch der Fahrer eines Pickups, der uns letztens eingeparkt hatte. Nachdem wir kurz gewartet hatten, man sollte ja annehmen,dass es nicht so lange dauert, haben wir dann doch mal eine Nummer gewählt, die auf dem Armaturenbrett lag. Der Angerufen erwiderte, dass er gleich zum Auto kommen würde. Tat er natürlich nicht. Als er dann kam, hat er uns keines Blickes gewürdigt und hing am Handy, um nicht mit uns sprechen zu müssen. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, hat er sich auch gleich rückwärts in die Parklücke gequetscht, während wir unseren Wagen zurückgesetzt haben. Sein Manöver klappte natürlich auch nicht auf den ersten Schwung und somit mussten wir erneut warten, bis er mehrfach korrigiert hatte und in der Parklücke stand (ist auch nicht so einfach mit dem Handy zwischen Schulter und Ohr). Währenddessen hallte natürlich das Gehupe der Wartenden hinter und von den Hauswänden der Gasse wider.

Was selten ist, aber wenn man es findet, umso schöner, ist einer der wenigen Bäume in den Gassen. Sie ranken sich in der Häuserschlucht dem Licht entgegen, nutzen den freien Platz und wachsen auf die Straße. Dafür leuchten bereits jetzt bei einigen Sorten die gelben Blüten. Neben dem Baum kann man auf dem Bild erkennen, dass es in den Innenhöfen oftmals sehr viele Pflanzen gibt. Das ist mir schon öfter aufgefallen. Während es draussen eher kahl ist, sorgen die Anwohner in den Höfen offenbar für eine sehr angenehme und schattige Atmosphäre.

Ganz toll ist übrigens das Müllsystem hier in Dammam. Das muss gesagt werden, denn es gibt zumindest Mülltonnen, bzw. Müllcontainer! Und die werden auch regelmäßig geleert!

Aber ob man die Müllcontainer denn so wie auf diesem Bild parken muss, ist doch eher fraglich. Solche Verbreiterungen der „Parkzone“ werden natürlich gerne genutzt. Somit kann man sein Auto bequem zwischen Mülltonne und Häuserwand parken, ohne ein schlechtes Gefühl haben zu müssen. Schließlich wird die Straße ja eh vom Müllcontainer blockiert. Im urbanen Habitat der Müllcontainer wohnen übrigens eine Menge Katzen,  Kater und Ratten (die wohnen auch in Supermärkten). Sie verteidigen ihre Lebensräume gerne auch mal mit einem herzhaften Fauchen gegen mich. Ich scheine wie ein Konkurrent um die Fleischtöpfe der Container zu wirken.

Je weiter man sich von den Hauptstraßen wegbewegt, desto enger werden die Gassen. Sie laufen immer kerzengerade, so dass man irgendwann immer wieder auf eine der großen Straßen trifft. Verloren gehen kann man also nicht. Oftmals sind die Gassen so eng, dass man wie in einem amerikanischen Agentenfilm von einem arabischen Haus in das nächste Springen kann. Ob man auch über die Dächer und Dachterrassen türmen kann, vermag ich noch nicht zu sagen. Musste es noch nicht tun und konnte die Dächer auch noch nicht einsehen.

Wie man auf dem Bild oben sehen kann sind die Klimaanlagen gern auch mal so installiert, dass sie die heiße Luft des einen Hauses direkt in das Haus auf der anderen Gassenseite blasen kann. Auch ein Grund seine Fenster besser nicht zu öffnen. Bin mal gespannt, wie das im Sommer wird…

 

Verfall und Patina in Dammam

 Sowohl Verfall, als auch Patina sind ein ständiger Begleiter in Dammam und wohl überall in Saudi Arabien. Patina kommt ganz einfach auch vom Klima, denn der Staub ist einfach überall und bleibt auch, wenn man ihn nicht wegfegt. Lässt sich gut an den Straßenrändern der Gassen sehen. Man gewöhnt sich dran und läuft einfach in der Straßenmitte. Dann staubt man sich auch die Füße nicht so einfach ein. Der wenige Regen sorgt neben der Erfrischung auch für graue, unschöne Wasserstreifen an den Hausfassaden.

Der Faktor Verfall steuert letztendlichen seinen nicht zu verachtenden Tribut zum Gesamtbild von Dammam bei. Verwitterte Holztüren, abgesackte Treppenstufen und offene Stromkästen gehören ebenso dazu, wie unverputzte Hauswände und abbröckelnder Putz. Diese ganze Gemengelage schafft eine ganz eigene Atmosphäre, welche die Stadt aber so interessant macht und mir gefällt sie auch auf ihre eigene Art.

 

 

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