Arbeiten und Tauben jagen

Arbeiten in Saudi Arabien ist ein wenig anders als der Arbeitsalltag in einem deutschen Büro. Das hatte ich mir schon gedacht, bevor ich her kam (und deshalb bin ich u.a. auch hier), aber die letzten Wochen und besonders gestern wurde es mir wieder deutlich vor Augen geführt.

Einer ganzen Reihe von Freunden und Familienmitgliedern habe ich im Laufe der letzten beiden Monate geschildert, was mich hier vor Probleme stellt. Dinge, die es nicht immer ganz einfach machen so ein Unterfangen wie meinen Aufenthalt in Saudi Arabien mit der selben Ruhe und Konzentration anzugehen und zu verarbeiten, wie ich das aus Deutschland gewohnt war. Eines dieser Herausforderungen ist das Arbeiten: Die Umstellung meines Arbeitsrhythmus und die Auffassung von Arbeit, die hier verbreitet ist können ziemlich stressig sein. Deshalb möchte ich schildern, wie mein Arbeitsleben hier aussieht, auf welche Besonderheiten ich achten muss und welche Erlebnisse es immer wieder für mich hervorzaubert.

Im Grunde teilt sich mein Arbeiten in Büro und Kundenbesuche auf:

Arbeiten nah am Kunden

Meine Aufgabe hier in Dammam ist es, den Kundenstamm unserer Spedition zu erweitern und die neu gewonnen Kunden zu betreuen. Aus diesem Grund bin ich oft unterwegs und verbringe viel Zeit im Auto und in Industriegebieten. Denn um Kunden zu gewinnen und überzeugen zu können, muss ich sie erst einmal kennen lernen und das klappt nicht so gut am Telefon. Ich kann mich also nicht wie bei Amazon den ganzen Tag in meinem Büro aufhalten. Deshalb fahre ich zu so malerischen Orten wie beispielsweise die berühmten „Second Industrial Area“ außerhalb von Dammam oder entdecke neue Firmen entlang des Dammam-Khobar-Highway.


Größere Kartenansicht

Die second industrial area ist ein ziemlich großes und weitläufiges Gebiet, in der gezielt Fabriken angesiedelt wurden/werden. Manche stehen hier auch schon länger, wie man auf diesem Bild erkennen kann. Oder die Wüste verlangt einfach schneller ihren Tribut. Die Straßen sind im Schachbrettmuster angelegt, weshalb man sich die Anfahrt relativ leicht beschreiben lassen kann…wenn man weiß, ob man von der Makka oder der Medina Road kommt und wo die Feuerwehr ist. Habe ich schnell gelernt… Sonst hat man ein Problem und leider scheinen nicht mal die Angestellten der Firma immer zu wissen, wie man die Firma eigentlich findet. Aber meist klappt es dann doch irgendwie.

Arbeiten im Büro

Um überhaupt einen Grund zu haben durch Dammam und Khobar zu fahren, muss ich ganz normal im Büro arbeiten und mit potentiellen Kunden telefonieren. Kaltakquise vom Feinsten also. Bürozeiten haben wir von 8:30 Uhr bis 17:30 Uhr und sie sind natürlich dehnbar. Je nach dem was es zu tun gibt. So weit also nichts ungewöhnliches. Komplizierter wird es, wenn man die Gebetszeiten berücksichtigt, denn zu diesen Zeiten schließen alle Geschäfte. Viele Muslime bekomme ich währenddessen nicht ans Telefon. Oder der Saudi an der Rezeption betet und kann deshalb niemanden verbinden. Vielleicht hat man aber Glück und derjenigen mit dem man sprechen will ist christlicher oder hinduistischer Inder oder Filipino. Weiß man vorher aber nicht und das kann anstrengend sein. Die verschiedenen Gebetszeiten (Salat) sind so ungefähr zwischen 11:30 Uhr und 12:30 Uhr, dann wieder zwischen 15 und 16 Uhr und gegen 18 Uhr. Das variiert, weil sie sich nach dem Sonnenaufgang richten. Dazu muss  jetzt noch die Mittagszeit beachtet werden, in der viele auch nicht arbeiten. Der Gebetsruf hört sich übrigens so an.

Rund um diese Eckpfeiler organisiere ich meine Aufgaben. Und bisher klappt es noch nicht ganz so gut. Dank einer App auf meinem Handy kriege ich es aber langsam in den Griff.

Zu diesem organisatorisch-religiösen Aufwand kommen unsere internationalen Partner. Kollegen aus Taiwan und China schreiben vormittags Mails und brauchen auch eine Antwort in diesem Zeitraum. Mitteleuropa ist derzeit eine Stunde nach uns, passt also recht gut. Die Italiener hingegen fangen noch mal später an (wie mir scheint), sind beständig zwei Stunden hinter uns und befinden sich dann, quasi wie die Briten, in einer anderen Zeitzone als der Rest von Europa (sind aber fairerweise auch länger erreichbar). Nachmittags und abends beginnen letztendlich die Amerikaner an zu arbeiten und schicken Mails. Damit die Ereignisse hier vor Ort von ihnen noch schnell bearbeitet werden können, sprechen wir oftmals im Laufe des Abends mit ihnen. Wie man also sieht, muss man Gebetszeiten und Mittagspausen sowie verschiedene Zeitzonen beim arbeiten unter einen Hut bringen.

 

Wochenende und Feiertage

Damit natürlich nicht genug: Das arabische Wochenende ist am Donnerstag und Freitag. Der Rest der Welt will aber arbeiten. Andersherum verhält es sich am Samstag und Sonntag, wenn die saudischen Kunden gerne ihre Probleme gelöst hätten, die restliche Welt aber Wochenende hat. Verbleiben Montag bis Mittwoch an denen man Herausforderungen zeitnah lösen kann. Jetzt kann man das so sehen, dass ich nie Wochenende habe, oder, dass ich nur eine 3-Tage Woche habe. Mir gefällt natürlich zweiteres deutlich besser.

Als kleines Sahnehäubchen gilt es schlussendlich noch die religiöse und säkulare Feiertage in den verschiedenen Ländern und (Danke) Bundesländern zu beachten. Trotzdem klappt das alles recht gut. Bin selbst ein wenig erstaunt darüber. Sobald ich mich ein wenig besser organisiert habe, dürfte das kein Problem mehr darstellen.

Natürlich wirkt das jetzt ziemlich abschreckend. Aber dafür kann ich mir meine Arbeitszeiten relativ frei einteilen und an den Wochenenden, also Donnerstag bis Sonntag, ist es relativ ruhig. Und wer jetzt das hier denkt, der lese weiter…arbeiten kann nämlich hier sehr unterhaltsam sein.

 

Taubenjagd

Ein Grund warum es mir hier gefällt, sind die Erlebnisse wie das von dieser Woche. Nachdem es in Dammam langsam heiß wird und schon morgens um 9 Uhr die 30 Grad Marke erreicht ist, hat sich Mr. A. um ein paar Klimaanlagen gekümmert. Deshalb besuchten uns ein bunter Haufen Inder/ Pakistanis/ Bangladeshis und trugen drei große Klimaanlagen ins Büro.

Dafür muss jeweils ein Loch für den Schlauch durch die Betonwand gebohrt werden. Macht ne Menge Lärm und Dreck. Nach dem ersten Loch in der Wand habe ich meine magischen Fähigkeiten ausgepackt und ihnen gezeigt, dass man den Staubsauger direkt ans Bohrloch halten kann und somit deutlich weniger Dreck und Staub im Büro verteilt. Das fanden die Jungs super, weil sie sonst nachher ja immer aufräumen müssen und ich bin jetzt ihr Freund.

Während also zwei arbeiten und Löcher bohren, tragen die anderen beiden die Ventilatoren durch unseren kleinen Taubenschlag auf das Vordach. Sie wissen natürlich nicht, dass derzeit Elfriede (so benannt von einer Freundin) im Taubenschlag brütet. Elfriede findet fremde Männer in ihrem Wohnzimmer natürlich gar nicht ok und fliegt aufgebracht in mein Büro. Kackt erschrocken auf Mr. A. Schreibtisch und knallt dann mehrfach gegen die Fenster (offenbar ein Ausdruck von Protest).

So was kann ich alter Tierfreund mir natürlich nicht mit anschauen! Als Sohn eines Jägers musste ich mir in der Vergangenheit diverse fundamentale, und ja, archaische Fähigkeiten aneignen. Und die sind jetzt nützlich: Ich weiß, wie man Füchse, Fasane, Hasen und anderes Getier den Jägern zuzutreiben hat! Diese Fähigkeit nutzend springe ich auf und beginne die Taube entlang der Fensterfront zum Schrank zu treiben. Einer der Inder, ich nenne ihn ‚Bäreninder‘, stammt offenbar auch aus einer Jägerfamilie (die jagen vielleicht sogar Tiger und Elefanten!) und instinktiv (er spricht nämlich kein Englisch) arbeiten wir zusammen. Während ich die Taube Elfriede in die Ecke treibe, schleicht er sich von hinten an und packt Elfriede mit sicherem Griff.

Wir machen schnell ein paar Bilder, ordnen die zerzausten Schwingen und schon wird Elfriede unversehrt in die Freiheit entlassen. Sie mag zwar ein mildes Trauma aufgrund des riesigen, bärtigen Inders haben, aber sonst ist ihr nichts passiert. Kurze Zeit später, nachdem die Inder mit den Arbeiten fertigen waren, saß sie schon wieder auf ihren Eiern und brütete im Taubenschlag. Leider konnte ich sie dabei nicht fotografieren, weil sie jetzt ein wenig schreckhaft ist. Sobald die Küken aber geschlüpft sind, werde ich ein Update posten und euch über ihre Entwicklung   auf dem Laufenden halten. Patenschaften werden übrigens noch angenommen und sind auch nicht teuer. Bei Interesse bitte unten einen Kommentar hinterlassen.

Solche Erlebnisse gibt es in Deutschland wahrscheinlich eher weniger, nehme ich an. Und deshalb macht Arbeiten hier auch immer Spaß. Es passieren einfach merkwürdige und unvorhersehbares Dinge. Davon darf man sich beim arbeiten nicht stören lassen. Ganz nach dem Motto: „Expect the unexpected!“ Übrigens  funktionierten die Klimaanlagen am nächsten Tag nicht mehr. Habe einfach abgewartet und mich mit arbeiten abgelenkt. Wenkeet hat es dann gerichtet und einfach ein Kabel draußen direkt am Verteilerkasten angebracht. Die Spannung war wohl zu schwach…

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